Der Ausbrecherkönig hat keine Lust mehr
Sein Leben als Bauernhofhund an der kurzen Kette, ohne Liebe und Zuwendung seiner Menschen haben aus dem klugen Rex einen Hund gemacht, der jede Gelegenheit fand und nutzte, um auszubüxen und durch die Gegend zu streifen.
Läufige Hündinnen - kilometerweit entfernt, Futternäpfe anderer Hofhunde, Spuren auf Feldwegen und ab und zu eine streichelnde Hand von einem Dorfbewohner, der ihn mochte, das waren seine Ausflugsziele. Sein Besitzer erfand immer neue Anbinde-Techniken und baute immer höhere Zäune. Für Rex kein Hinderungsgrund, um seine Ausflüge fortzusetzen. Zäune waren für ihn zum überklettern gemacht und aus jedem Halsband kann sich Rex herauswinden.
Im Tierheim war er Stammkunde. Immer wieder landete er bei uns, denn Menschen, die ihn nicht kannten, brachten ihn aus Sorge, er könnte vor ein Auto laufen oder nicht nach Hause finden, ins Tierheim. Irgendwann reichte es seinem Besitzer. Er ließ sich überreden, uns Rex zu übereignen. Wir wollten ihn gerne schnell in ein Zuhause vermitteln, in dem er die Zuwendung bekommt, die er nie kennen gelernt hatte.
Das aber sollte sich als fast unmöglich herausstellen. Seine ersten Spaziergänger kamen frustriert mit Halsband und Leine in der Hand im Tierheim an. Rex war aus dem Halsband geschlüpft und längst vor ihnen da. Also bekam Rex ein Geschirr eng verpasst, aus dem konnte kein Hund schlupfen. Keine 5 Minuten später stand Rex ohne Geschirr wieder vor der Tierheimtür. Eine neue Methode: Halsband + Geschirr mit 2 Leinen. Jetzt konnte selbst Rex sich nicht mehr entfesseln. Aber ihm fiel sofort etwas Neues ein: Selbst die erfahrensten Gassigänger riefen verzweifelt im Tierheim an: „Bitte holt uns ab. Ich trage Rex schon eine riesige Strecke. Er hat sich hingelegt und läuft keinen Schritt weiter.“ Oft ist das Tierheimauto losgefahren, um Rex und seinen frustrierten Gassigänger nach Hause zu holen.
Der Kitzinger Hundesportverein bot uns die Möglichkeit, mit unseren Hunden eine Schulung zu erhalten. DIE Gelegenheit, dem intelligenten Rex Kopfarbeit und Erziehung angedeihen zu lassen!
Ausgerüstet mit Halsband + Geschirr wurde er ins Auto verfrachtet. Bereits an der ersten Ampel, die Frage der Beifahrerin Nadine: „Warum habt Ihr denn Rex kein Halsband oder Geschirr angezogen?“ Keine 3 Minuten hatte er gebraucht, um beides loszuwerden. Das große, hoch eingezäunte Gelände der Hundeschule bot endlich die Gelegenheit, Rex frei laufen zu lassen. Das Einzige, was ihn interessierte, war der hohe Zaun, über den er, ehe wir uns versahen, geklettert war.
Seine einzige Vermittlung während seiner gesamten Tierheimzeit, - auf einen Pferdehof -dauerte keine 24 Stunden. In den wenigen Stunden war er 8 Mal davon gelaufen, hatte jede Tür geöffnet, das ganze Haus markiert und pausenlos gebellt.
Zwei Jahre Tierheim! Wir hatten bereits die Hoffnung auf seine Vermittlung aufgegeben. Rex war ja nicht mal auf einen Hof mit Familienanschluss vermittelbar.
Und dann? … Kam etwas, das auch wir nicht mal in unseren kühnsten Träumen erwartet hätten! Beim Stöbern durchs Internet landete sein jetziges Herrchen auf unserer Homepage bei den Notfällen. Der 1. Blick ins Rex’ Gesicht reichte ihm, um sofort im Tierheim anzurufen. Nichts was er über Rex erfuhr, konnte ihn abschrecken und seine Frau, der er anschließend von Rex und seinen Entfesselungskünsten etc. berichtete, konnte gar nicht schnell genug zusammen mit ihm ins Tierheim fahren, um Rex persönlich kennen zu lernen. Dass bei der ersten Begegnung der Funke sofort von allen Seiten übersprang, war die Krönung. Der Entschluss wurde gefasst: „Rex gehört zu uns. Er wird unser Hund.“ -
Wir haben ihn in sein Zuhause gebracht. Ein großes Haus mit einem riesigen Garten. Rex darf natürlich überall hin, auch aufs Sofa. In jedem Raum stehen große, kuschelige Körbchen voller Spielsachen. Ein Paradies selbst für einen verwöhnten Luxushund!
Nachdem unser Hofhund Rex seine neue Familie begrüßt und angewedelt und sich alles angeschaut hatte, legte er sich wie selbstverständlich unter den Tisch, als wollte er sagen: „Das habe ich gesucht, deshalb bin ich immer weggelaufen, hierher wollte ich!“
Ob er schon immer wusste, dass er, der königliche Rex, der sich nicht zum Kettenhund degradieren ließ, eines Tages dieses wunderschöne Zuhause finden würde, mit den verständnisvollen Menschen, die ihm alles, was er an Verwöhnung nicht mal in seinen schönsten Hundeträumen erträumt hätte, zukommen lassen? .
Die glücklichen Anrufe und Mails aus seinem neuen Zuhause:“ Rex weicht nicht von unserer Seite. Ohne uns geht er nicht mal in den Garten. Den Zaun würdigt er keines Blickes, Rex ist völlig stubenrein!“ sind für uns Highlights. Es zeigt doch wieder, dass es nicht der süße Welpe einer Moderasse sein muss, der seine Menschen glücklich macht. - (Nur einmal, als ein Fenster geöffnet war, hat ihn wohl sein alter Ausbrecherdrang übermannt und er ist mit Anlauf aus dem offenen Fenster 2 m tief in den Garten gesprungen. Aber nur, um im nächsten Augenblick durch die geöffnete Terrassentür wieder hereinzukommen.)
Dieses Beispiel eines als schwierig deklarierten, (dunklen) Hundes, der noch dazu für Fans von großen Hunden zu klein und für jemanden, der einen kleinen Hund sucht, zu groß ist, macht hoffentlich auch anderen Menschen Mut, sich auf einen nicht ganz perfekten Hund einzulassen.
Wenn durch dieses Beispiel auch unsere anderen Langzeitbewohner, wie z. B. Wastl, Ira und Lordy, oder die arme Jessy und alle anderen, die auch schon z. T. jahrelang warten, endlich ihr passendes, liebevolles Zuhause finden, hat sich die Entscheidung der neuen Familie von Rex doppelt gelohnt. Sein Beispiel zeigt auch, dass Menschen, die eine Herausforderung darin sehen, einem als schwierig bekannten Hund ein Zuhause zu geben, von ihm durch besondere Anhänglichkeit und Dankbarkeit für ihr Einfühlungsvermögen belohnt werden. v.c.














Kitzingen